Eine beeindruckende Persönlichkeit. Günther Nonnenmacher ist einer der Herausgeber der viel gerühmten Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), Frankfurts großer konservativer Tageszeitung. Als Gast beim Neujahrsempfang des Club des affaires de la Hesse steht er im Mittelpunkt, er, auf den alle aus der deutsch-französischen Geschäftswelt in Frankfurt warten. Gegenüber eine junge Journalistin, die versuchen muss, sich Gehör zu verschaffen. Sie tut dies bewaffnet mit 99 Vorschlägen*, die die deutsch-französischen Beziehungen aufleben lassen sollen. Die junge Journalistin bin ich.
Ladies first; die delikate Aufgabe, den Saal anzuheizen fällt also auf mich. Attacke! Ich beginne mit der Notwendigkeit frischen Windes und damit, neue Ideen und Energien für ein echt deutsch-französisches Engagement zu finden, was in der Vergangenheit leider manchmal von den Entwicklungen der Politik erstickt wurde.
Warum nicht träumen, Projekte ins Auge fassen, die nicht rein politisch sind, sondern auch nah an den Sorgen derer, die die deutsch-französischen Beziehungen täglich leben? Deutsch-französische Paare, Verwandte, Studierende oder Aktive, die immer öfter den Rhein überqueren um ein paar Jahre oder ein ganzes Leben im Partnerland zu leben – wir haben an diese Menschen gedacht, als wir die 99 Vorschläge nieder geschrieben haben.
Mir wohl bewusst, dass ich die jüngste in dieser Versammlung bin… Und dass ich aus Berlin komme, nicht gerade eine ökonomische Metropole. Mit welchem Recht breite ich vor einem Publikum meine deutsch-französischen Visionen aus, das bestens mit dem Thema Zusammenarbeit vertraut ist? Also kehre ich ein bisschen die Frische und Neuheit der 99 Ideen heraus, um mein Publikum zu gewinnen, immerhin ist das Projekt ein Aufruf dazu, aus dieser gewissen Bequemlichkeit heraus zu treten, die in den 47 Jahren etablierter deutsch-französische Beziehungen entstanden ist.
Wie werden die hier an diesem Abend anwesenden Herren Bänker und Geschäftsmänner reagieren? Ich habe den Eindruck, dass das Interesse des Publikums geweckt ist: ich höre kein Hüsteln, kein Gelächter. Naja, vielleicht sind sie zu höflich… das Schlimmste kommt noch.
Als meine Ansprache beendet ist, ergreift Günther Nonnenmacher das Wort. Ich hatte ihm im Voraus und in aller Absicht ein Exemplar der 99 Ideen zukommen lassen. Bei dieser Art Veranstaltungen zu Hause, ist er es gewohnt in Fragen der allgemeinen Politik Stellung zu nehmen. Er beginnt damit, beiläufig auf die Aktualität der deutsch-französischen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland hinzuweisen, und erinnert daran, dass die Unterschiede zwischen den beiden Ländern gravierend sind, und dass man sich letztlich darüber nicht zu wundern braucht. Er weiß sehr wohl, wovon er spricht; er ist seit 40 Jahren mit einer Französin verheiratet: es braucht sehr viel Geduld und Humor, damit sich Deutsche und Franzosen richtig verstehen. Er schlägt den Bogen zurück auf die 99 Ideen. „Unter uns gesagt, Madame Boutelet,“ sagt er in die Kulisse,“ ich glaube nicht, dass es jemals einen deutsch-französischen EU-Kommissar geben wird, ich bezweifle, dass die Verfassung das zulassen würde. Außerdem, Madame Boutelet, überlassen Sie das doch unseren hohen Beamten und unserer Politik! Man muss sie doch mit etwas beschäftigen!“ Das war der Auftakt zu einer langen Passage über den wahren Gehalt der 99 Vorschläge. Keine Gnade für eine deutsch-französische Armee oder für eine Schiedsrichter-Instanz in ökonomischen Krisen. Zu den kulturellen Vorstößen hebt er die Arme: „Glauben Sie, Madame Boutelet, dass man den Leuten ein kulturelles Programm auferlegen kann? Das Besondere am Erfolg von Tokio Hotel ist, dass man es nicht hätte vorhersagen können! Wer in Deutschland interessiert sich für Frankreich oder für Deutschland in Frankreich, ein oder zwei Millionen? Das reicht nicht für eine populäre Sendung, wie Sie sie in Ihrer Wunschliste nennen!“
Ich rutsche auf meinem Stuhl hin und her, möchte reagieren. Aber mein Moment wird kommen, hoffe ich zumindest. Alles hängt davon ab, ob ich die Sympathien meines Publikums gewinnen konnte. Das Publikum wird entscheiden und für das Alte oder Moderne stimmen, für den Weisen oder die Neuangekommene. In einer Kontroverse, die recht symptomatisch für die Mentalitäts-Unterschiede zwischen Franzosen und Deutschen ist. Bei den ersten Fragen des Publikums schöpfe ich wieder Atem. Die Lust auf etwas Neues ist durchaus vorhanden. Die Bedächtigkeit hat ihre Grenzen, die vorgestellten Initiativen werden willkommen geheißen. Es folgt ein Ping-Pong zwischen Nonnenmacher und mir, mit dem Publikum als Zeugen. Jedenfalls fehlt es bei der Debatte nicht an Pfeffer. „Erfrischend und sehr interessant,“ sagen mir einige Beteiligte zu dieser Begegnung. „Aber Sie sehen ein, dass er in manchen Punkten Recht hatte.“ „Natürlich,“ antworte ich mit einem Lächeln. Aber wenn zumindest einer der 99 Vorschläge einige Positionen ins Wanken bringen und das Nachdenken über das Verhältnis zwischen den beiden Ländern neu anregen konnte, ist die Mission der 99 bereits erfüllt.
*(99 Ideen für die Zukunft der deutsch-französischen Beziehungen: erschienen beim Magazin ParisBerlin.)
Übersetzt von Steffi Daugs

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Naja wenn man sich die Ideen so anguckt dann kann man schon seine Zweifel kriegen und Nonnemache hat da sicher auch seine Zweifel,,, wie krass ist überhaupt die Vorstellung einer deutsch-französischen Nationalmannschaft— das ist fast schon witzig!